UZH-Mentoring-Award für Prof. David Seidl

Zwei Professoren und eine Professorin erhielten vor Kurzem den ersten Mentoring-Award der UZH. Was aber macht gute Betreuung aus? Darüber spricht Preisträger Professor David Seidl im Interview.

Neben Forschung und Lehre verbringen Professor*innen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit der Betreuung von Doktorand*innen. Sie führen Nachwuchsforschende in die wissenschaftliche Gemeinschaft ein und sind ein wichtiger Bestandteil ihres Arbeitsumfelds. Durch ihr persönliches Beispiel inspirieren Professor*innen junge Wissenschaftler*innen. Doch was zeichnet eine gute Mentorin bzw. einen guten Mentor aus?

Um dies zu reflektieren und herausragende Beispiele sichtbar zu machen, hat der Graduate Campus den UZH Mentoring Award eingeführt. Rund 90 Doktorand*innen aus verschiedenen Fakultäten folgten dem Aufruf, Kandidat*innen für den Preis zu nominieren. Die Jury, bestehend aus fünf UZH-Nachwuchsforschenden, hat sich eingehend mit den Nominierungen befasst und inzwischen drei Personen gekürt. Einer von ihnen ist David Seidl, Professor am Institut für Betriebswirtschaftslehre.

Wir haben uns mit ihm über seine Rolle als Mentor unterhalten.

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«Mir ist wichtig, dass ich für meine Mentees immer da bin»


Mit dem Mentoring-Award wurden erstmals Professor*innen für besonders gute Betreuung von Nachwuchsforschenden ausgezeichnet. Was macht eine «gute» Betreuung aus Ihrer Sicht aus? Und was ist Ihnen als Betreuer besonders wichtig?
Das ist natürlich eine sehr umfassende Frage. Auf den Punkt gebracht würde ich sagen, eine gute Betreuungsperson zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Nachwuchsforschenden in ihrer je eigenen Entwicklung optimal unterstützt, ohne der betreuten Person die eigenen Vorstellungen aufzudrängen. Hierbei gilt es, die richtige Balance zu finden zwischen der Vorgabe von Orientierung und Struktur und der Sicherung von Freiheiten zur eigenen Entwicklung. Wie weit die Mentoring-Aktivitäten dabei reichen, hängt stark von der formalen Beziehung zwischen der betreuenden und betreuten Person ab, z.B. ob die betreuende Person formal vorgesetzt ist. So kann das Mentoring neben der Beratung der Nachwuchsforschenden insbesondere auch Aspekte umfassen wie die Schaffung zeitlicher Freiheit und Flexibilität, Sicherstellung einer gesunden Work-Life-Balance, die Bereitstellung von Ressourcen, die Unterstützung in politisch prekären Situationen, emotionaler Support in schwierigen Situationen oder auch die Vermittlung von Kontakten zum Aufbau eines eigenen Beziehungsnetzwerks, und vieles mehr. Mir ist wichtig, dass ich für die von mir betreuten Personen immer da bin, wenn sie mich brauchen, deshalb betreue ich beispielsweise immer nur wenige Personen parallel. Mir ist auch wichtig, dass von Anfang an transparent ist, was sie von mir als Mentor erwarten können – und was gegebenenfalls auch nicht.

Was fordert Sie als Mentor besonders heraus?
Eine besondere Herausforderung in der Betreuung von Nachwuchsforschenden ist die Individualität der betreuten Personen. Jede Person hat andere Fähigkeiten und Stärken und auch andere Interessen, welche es nicht nur zu respektieren, sondern vor allem auch zu erkennen gilt, um die jeweiligen Nachwuchsforschenden bestmöglich unterstützen zu können. In diesem Zusammenhang gilt es vor allem auch kritisch zu reflektieren und mit den betreffenden Personen zu besprechen, in welchen Bereichen man sie tatsächlich unterstützen kann, und wo gegebenenfalls eine andere Person besser dafür geeignet wäre. Für Nachwuchsforschende ist es oft hilfreich, mehrere Mentor*innen zu haben, die jeweils auf unterschiedliche Aspekte fokussiert sind. 

Haben Sie auch schon schwierige Momente in der Betreuung von Nachwuchsforschenden erlebt – und wie sind Sie damit umgegangen?
Ich habe viele schwierige Situationen erlebt. Vor allem habe ich häufiger erlebt, dass die von mir betreuten Personen, ohne dass ich davon Kenntnis hatte, parallel von anderen Mentor*innen betreut wurden, welche Ratschläge erteilt haben, die meinen Ratschlägen entgegengesetzt waren. Dies führte meist zu enormer Verwirrung und Unsicherheit bei den Nachwuchsforschenden. In der Regel setzte ich mich in solchen Situationen mit den von mir betreuten Personen und gegebenenfalls mit den weiteren Mentor*innen zusammen und versuchte, die Mentoring-Bemühungen zu koordinieren. In vielen Fällen bedeutet dies auch, dass sich eine der betreuenden Personen zurückziehen muss. Generell halte ich es für sinnvoll, wenn Nachwuchsforschende ein Team von Betreuer*innen haben, die aber möglichst klar abgestimmte Rollen einnehmen. Zum Teil sind solche Teams auch in den diversen Regularien offiziell vorgesehen.

Hatten bzw. haben Sie selbst eine Mentorin oder einen Mentor?
Als junger Forscher hatte ich selbst mehrere Mentoren. Während meiner Dissertation hatte ich einen Betreuer, der vor allem darauf geschaut hat, dass ich genügend Freiheiten hatte, um mich zu entwickeln. Ich habe davon sehr profitiert, zugleich hätte ich mir aber manchmal auch etwas mehr Strukturvorgaben gewünscht. In Absprache mit meinem Betreuer habe ich mir aus dem Grund selbst parallel dazu einen weiteren Mentor gesucht. Später hatte ich dann ein ganzes Netzwerk an Mentor*innen, an die ich mich jeweils nach Bedarf gewandt habe. Aus diesen eigenen Erfahrungen habe ich auch viel gelernt, wie ich mich nun selbst als Mentor verhalte.

49 Professor*innen wurden für den Mentoring-Award nominiert. Hatten Sie bei der Auswahl der Gewinner*innen nicht einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil, weil Management und Leadership wichtige Aspekte Ihres Forschungsbereichs sind?
Sie haben recht. Mein Lehr- und Forschungsgebiet hat mich sicherlich für einige wichtige Aspekte des Mentorings besonders sensibilisiert. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass der Arbeits- und Organisationspsychologe Martin Kleinmann und die Pädagogin Katharina Maag Merki die beiden anderen mit dem Mentoring-Award ausgezeichneten Personen sind. Ich würde aber nicht sagen, dass meine Lehre und Forschung die wichtigsten Einflüsse auf meinen Mentoring-Ansatz waren. Vieles von dem, was ich im Mentoring für wichtig halte, basiert auf meinen eigenen Erfahrungen als Nachwuchsforscher. Daneben hat mich sicherlich auch meine Rolle als Mitglied der Gleichstellungskommission für die Unterschiedlichkeit der individuellen Mentoring-Bedürfnisse geprägt.

Als Teil Ihrer Mission schreiben Sie auf Ihrer Website «We care». Was sagt dieser Satz für Sie aus?
Unsere Lehrstuhl-Mission habe ich gemeinsam mit meinem Lehrstuhlteam entwickelt. Um ehrlich zu sein, war ich kein grosser Freund dieser Formulierung, da sie auf mich etwas floskelhaft und pathetisch wirkt. Aber mein Team hat mich überstimmt. Inhaltlich stehe ich natürlich hinter der Formulierung. «We care» war ursprünglich auf meine Teammitglieder als auch Studierenden bezogen und sollte zum Ausdruck bringen, dass wir uns für ihr Wohlergehen verantwortlich fühlen. Später haben wir das dann selbst weiter interpretiert und auch auf weiterführende gesellschaftliche Verantwortung bezogen.

Wo sehen Sie im Bereich Nachwuchsförderung Optimierungsbedarf? Was würden Sie sich von der Fakultät oder der UZH diesbezüglich wünschen?
Ich würde es begrüssen, wenn es einen systematischeren Austausch zwischen den Kolleg*innen (aber auch unter den Mentees) zu den jeweiligen Betreuungsansätzen geben würde, z.B. in Form von Mentoring-Roundtables mit jährlichem Austausch über unsere Erfahrungen. Wir können sicherlich alle sehr viel voneinander lernen. Es gibt ja letztlich sehr viele unterschiedliche Betreuungsansätze, die jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile haben. Ich selbst tausche mich häufiger mit Kolleg*innen zu dem Thema aus und lerne sehr viel von den jeweiligen Erfahrungen.

Zum Schluss: Gibt es etwas, das Sie den Professor*innen und Nachwuchsforschenden der WWF in Ihrer Rolle als Mentoren und Mentees mit auf den Weg geben möchten?
In der allgemeinen Diskussion hat das Mentoring häufig nicht die Wertschätzung erhalten, die ihm gebührt. Neben dem Fokus auf Forschungs- und Lehrleistung ist die Bedeutung der Nachwuchsbetreuung oft etwas in den Hintergrund gerückt. In dieser Hinsicht ist die Einführung des Mentoring-Awards sicherlich von grosser symbolischer Bedeutung. Wer den Award dann tatsächlich gewinnt, ist dabei vielleicht gar nicht so wichtig.