Mit Jochen Menges im Wolfbach

Weshalb haben Sie Psychologie studiert und sich für eine akademische Laufbahn entschieden? Hätte Sie auch ein anderer Beruf gereizt?
Das Studium hat mir geholfen, das Verhalten von Menschen systematisch zu verstehen und dieses Wissen auf den Berufsalltag anzuwenden. Bis heute treibt mich die Frage an, was für das Berufsleben von Menschen wirklich relevant ist. Als Wissenschaftler kann ich in viele Unternehmen blicken und dabei Muster erkennen, wie sich Mitarbeitende und Führungskräfte verhalten und ob sie gemeinsam erfolgreich sind. Diese Erkenntnis ist wichtig für die Wissenschaft, die Wirtschaft und die Gesellschaft. Journalist wäre eine Alternative gewesen – allerdings hätte ich mich dort nicht so vertieft mit Themen beschäftigen können.

 

Heute gehört Leadership zu Ihrem Forschungsschwerpunkt. Was ist das Geheimnis guter Führung?
Mein Lehrstuhlteam und ich arbeiten täglich daran, dieses Geheimnis zu entschlüsseln. Vereinfacht gesagt, geht es um zwei Aspekte: wie Führungskräfte mit Menschen umgehen, mit denen sie Ziele erreichen wollen, und ob sie diese Ziele auch erreichen. Gute Führung schafft es, beides zu vereinen: Menschen für ein Ziel zu begeistern und gemeinsam mit ihnen erfolgreich zu sein.

 

Jochen Menges

Was ist der grösste Fehler, den eine Führungskraft machen kann?
Führung ist immer ein Wagnis. Es gehört dazu, dass Fehler gemacht werden. Der grösste Fehler ist, daraus nicht zu lernen. Zu Führung gehört Reflektion: Dass ich mich also regelmässig frage, was gut läuft – und wie ich das weiter stärken kann – und was schlecht läuft – und wie ich das ändern kann.

 

Warum gewinnen Emotionen im Berufsalltag an Bedeutung?
Da Maschinen zunehmend die Arbeit von Menschen übernehmen, können wir uns über Emotionen differenzieren. Ich würde sogar sagen, dass wir uns von einer «Knowledge Economy» hin zu einer «Emotion Economy» bewegen. Emotionale Intelligenz wird damit eine Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts. Wer empathisch ist und gut mit Veränderungen und den damit verbundenen Emotionen umgehen kann, hat künftig einen Wettbewerbsvorteil.

 

An welchen emotionalen Moment in Ihrer Karriere denken Sie gerne zurück?
Ein sehr prägender Moment war eine Rede von Barack Obama in Berlin 2008. Ich hatte mich bereits mit Leadership beschäftigt und wusste, dass charismatische Führungskräfte einen der effektivsten Führungsstile haben. Es ist aber eine Sache, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, und eine andere, live dabei zu sein. Bei Obamas Rede erlebte ich, wie sich Menschen begeistern lassen und emotional so stark involviert sind, dass der Inhalt gar nicht hängen bleibt. Dieser Moment führte mich in meiner Forschung zum «Awestruck Effect», der erklärt, weshalb wir absurden Ideen von Führungskräften folgen.

 

Ihr Weg hat Sie schliesslich in die Schweiz gebracht. Warum haben Sie sich für die Universität Zürich als Forschungsstätte entschieden?
Mit meiner Promotion in St. Gallen habe ich meine akademische Ausbildung in der Schweiz begonnen und bin seither von der Wissenschaftslandschaft der Schweiz begeistert. Ich glaube, es gibt wenige andere Länder, die Wissenschaft ähnlich fördern und wertschätzen. Deshalb zog es mich nach Jahren in Grossbritannien und Deutschland zurück, um mich hier einzubringen. Daneben reizte mich das enorme Potenzial der Uni Zürich, sie gehört zu den internationalen Top-Universitäten. Zudem habe ich meine Frau in St. Gallen kennengelernt.

 

Was machen Sie, um nach einem hektischen Tag an der Uni abzuschalten?
Als Professor erlebe ich den Mix aus Lehre und Forschung als gute Balance. Im Hörsaal teile ich die Begeisterung für unser Forschungsfeld mit den Studierenden. Die Forschung hingegen erfordert es, konzentriert zu arbeiten und Artikel zu verfassen. Dieser Mix erlaubt mir ein ausgeglichenes Leben: Wenn ich zu viel geschrieben habe, freue ich mich auf die Lehre und umgekehrt. Aber natürlich geniesse ich privat die Zeit mit meiner Familie und mache gerne Sport oder bin in der Natur.