Tertiäre Ausbildung vs. Berufsbildung

Bildungsökonomin und Professorin Uschi Backes-Gellner über die aktuellsten Entwicklungen im Schweizer Bildungssystem.

Immer mehr Menschen absolvieren in der Schweiz eine tertiäre Ausbildung. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? 

Ich halte das für eine eher problematische Entwicklung, da wir in der Schweiz ein hervorragend aufgestelltes Berufsbildungssystem haben. Die Steigerung der Hochschulabsolventen als Allheilmittel kommt aus Ländern, die gar keine Berufsbildung wie die unsere kennen – und die insofern mit steigenden Akademikerquoten ein Problem bekämpfen, das wir in dieser Form gar nicht haben. 
Bei uns in der Schweiz stellt das Berufsbildungssystem sicher, dass zwei Drittel unserer Jugendlichen hochwertige und breite Qualifikationsbündel erlernen, die tatsächlich am Arbeitsmarkt gebraucht und von den Firmen nachgefragt werden. Dies geht nicht zufällig mit einer im internationalen Vergleich sehr geringen Jugendarbeitslosigkeit einher. 
 

Zitat Uschi Backes-Gellner


Gleichzeitig wird durch die regulatorischen Rahmenbedingungen der Berufsbildung und durch die Einbindung der Organisationen der Arbeitswelt (Berufs- und Branchenverbände sowie Unternehmen an der Innovationsfront) in die Curriculumentwicklung sichergestellt, dass unsere Berufsbildungsabsolventen auch kontinuierlich aktualisierte und zukunftsorientierte Qualifikationen erlernen. Und diese Qualifikationen, das zeigen unsere Studien, helfen massgeblich die Innovationsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft aufrechtzuerhalten und voranzutreiben. 

Wenn aber immer mehr Schulabsolventen eine tertiäre Ausbildung absolvieren, geht diese Stärke der Schweizer Wirtschaft verloren – und internationale Vergleiche lassen befürchten, dass dieser Verlust nicht einfach durch eine Steigerung der Studierendenzahlen wettzumachen wäre. 
 

Zitat Uschi Backes-Gellner


Inwiefern tragen die Hochschulen zur Förderung der Schweizer Wirtschaft bei?

Im Schweizer Bildungssystem haben die Universitäten und Fachhochschulen eine andere Rolle als beispielsweise in angelsächsisch geprägten Systemen. Die wenigen Universitäten, die sich die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern gönnt, konkurrieren mit den besten Universitäten der Welt an der Forschungsfront und bei der Ausbildung international wettbewerbsfähiger, wissenschaftlich hochqualifizierter Führungskräfte. In der Schweiz studieren über 50% der Studierenden an einer internationalen Spitzenuniversität (Top 100 im Shanghai-Ranking), während dies beispielsweise in den USA weniger als 20% sind. Das stellt sicher, dass wir selbst als kleines Land weiterhin aktiv die Forschungsfront mitbestimmen und vorantreiben können. Hier müssen wir wettbewerbsfähig bleiben, um unseren Wohlstand zu erhalten. Die Fachhochschulen haben in diesem System ebenfalls eine wichtige Rolle: Sie bilden eine wichtige Brücke zwischen Berufsbildung und Forschung. Mit ihrer anwendungsbezogenen Forschung und Lehre ermöglichen sie einen praxisnahen Zugang zur Forschungsfront. Dies führt in den Unternehmen zu einer Steigerung der Produktivität und der Problemlösungsfähigkeit in FuE-Teams.

Immer wieder taucht die Kritik auf, dass Universitätsabsolventen zu wenig spezifisch auf die Berufswelt vorbereitet sind. Sollten Universitäten Ihre Lehre also stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausrichten? 

Im Bildungssystem und im Hinblick auf den Arbeitsmarkt haben die Universitäten eine etwas andere Rolle als die Berufsausbildung. Insofern darf die Verbindung zum Arbeitsmarkt durchaus etwas lockerer sein. Dennoch sollten wir an den Universitäten stärker auch darauf achten, dass unsere Absolventen den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden. Ich denke da moderne Anforderungen wie Computational Thinking, Digital Skills oder agiles Arbeiten, aber auch an viel grundlegendere Kompetenzen wie Arbeitsorganisation, Teamfähigkeit oder an individuelle Fähigkeiten wie Ausdauer, Mut oder Belastbarkeit. Hier könnten und sollten wir einen stärkeren Beitrag leisten. 

Fachhochschulen wollen künftig ein Doktoratsstudium anbieten. Wie beurteilen Sie diese Idee aus Sichtweise der Universität Zürich?

Ich sehe diese Entwicklung als sehr kritisch an und halte es für problematisch, wenn Fachhochschulen sich zunehmend wie Universitäten aufstellen. Sie werden dadurch ihrer ureigenen Rolle weniger gut gerecht, weil sie sich entweder nicht mehr auf ihre ursprüngliche Zielgruppe, die Berufsabsolventen, fokussieren können oder weil sie die Voraussetzungen für ein Doktorat auf internationalem Spitzenniveau nicht mitbringen können. Aber wozu sollen Doktorate gut sein, die nicht internationalen Qualitätsstandards entsprechen? Hier geht es meines Erachtens also etwas in die falsche Richtung. Eine Ausnahme stellen möglicherweise Kunst- oder Musikhochschulen dar, die generell – auch international – einen anderen Charakter haben. 
 

Zitat Uschi Backes-Gellner


Was ich in diesem Kontext für extrem wichtig halte, ist die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Bildungssystems. Es muss zwar nicht jeder am Ende an einer Universität oder ETH studieren, aber es muss für geeignete Kandidaten vorgespurte Wege geben, auf denen Sie von einer Berufsausbildung bis zu einem Doktorat an einer Spitzenuniversität gelangen können. Diese Fälle gibt es übrigens gar nicht so selten und manche davon schaffen es auch bis an die Spitze grosser Schweizer Unternehmen, wie beispielsweise Sergio Ermotti, CEO UBS Group, Ruedi Noser, Unternehmer und Ständerat, oder Peter Voser, Chairman of the Board of Directors ABB. 

 

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