«Ich hoffe, dass ein gewisser innovativer 'Spirit' und damit die Experimentier-freudigkeit erhalten bleiben.»

Gabriele Siegert, Rektorin ad interim der Universität Zürich, spricht im aktuellen Oec. Magazin über Bildung und Lehre an der UZH.

Das aktuelle Frühlingssemester hat vieles auf den Kopf gestellt und die Universität innert Tagen in die Digitale Lehre katapultiert. Inwiefern hat die Umstellung die Universität Zürich verändert?

Wir alle haben sicher einen riesigen Digitalisierungsschub hinter uns. Alle mussten sich von heute auf morgen mit den Möglichkeiten und Tools der Online-Kommunikation und -organisation auseinandersetzen und lernen, wie man verschiedene Software einsetzt und mit den didaktischen Zielen der Lehre gut verknüpft. Manche waren da bereits sehr weit, bei anderen war der Aufholbedarf gross. Die Corona-Pandemie ist gleichzeitig aber auch eine Chance und hat die Digitalisierung und den damit verbundenen Kulturwandel massiv vorangetrieben.
 

Zitat Gabriele Siegert


Welche Erfahrungen und Veränderungen aus diesem virtuellen Semester werden Ihrer Meinung nach die Corona-Pandemie überdauern?

Verschiedene Online-Elemente und Blended Learning Settings werden uns – und darüber bin ich sehr froh – erhalten bleiben. Auch die Bereitschaft, Podcasts der eigenen Vorlesung zu machen, ist massiv gestiegen und viele sehen nun auch die Vorteile darin. Ich gehe also davon aus, dass die Podcasts zum grossen Teil bleiben werden. Zudem hoffe ich, dass ein gewisser innovativer «Spirit» und damit die Experimentierfreudigkeit erhalten bleiben.

Was umfasst für Sie «gute Lehre»?

Erstens geht es um die Inhalte selbst: Sind sie relevant und werden sie so eingeordnet, dass die Studierenden verstehen, warum es wichtig ist, sich in diesem Studienprogramm damit zu beschäftigen? Um das grosse Ganze zu verstehen, scheint mir dieser Kontext unabdingbar.

Zweitens geht es um die didaktische Aufbereitung der Inhalte. Die sollte so konzipiert sein, dass die Lehr- und Lernziele auch wirklich erreicht werden können. Was genau an didaktischen Hilfsmitteln und Tools jeweils eingesetzt wird, muss dem Inhalt und der Person des/der Dozierenden entsprechen.

Drittens geht es um den Leistungsnachweis. Auch der Leistungsnachweis sollte den Lehr- und Lernzielen entsprechen. Das klingt einfacher als es ist, denn manchmal muss aufgrund der Menge an Leistungsnachweisen z.B. auf Multiple-Choice-Klausuren zurückgegriffen werden – obwohl andere Formen angemessener wären.

Und schliesslich geht es um die Begeisterung des/der Dozierenden für das Thema der Lehrveranstaltung und für die Lehre überhaupt. 

Wie stellt die Universität Zürich sicher, dass sie mit ihrer Lehre am Puls der Zeit bleibt – inhaltlich, didaktisch und technologisch?

Hier muss man zwischen der Universität als Ganzes und den einzelnen Fakultäten unterscheiden. Die Universität als übergreifende Institution ist vor allem für die Qualitätssicherung und -entwicklung zuständig, die Fakultäten für die Planung, Organisation und Durchführung der Lehre. Wir unterstützen die Fakultäten aber mit einer breiten Palette an Angeboten und Dienstleistungen. Das umfasst unter anderem Angebote der Hochschuldidaktik auf curricularer Ebene, Lehrveranstaltungs-beurteilungen und auch Qualitätsgespräche mit Studierenden für die Reflektion guter Lehre, Support für die Benutzung und die Produktion von Podcasts un die Verbesserung der Möglichkeiten für E-Assessments.
 

Zitat Gabriele Siegert


Wie wird die Lehre an der Universität Zürich in 20 Jahren aussehen? Wird sie sich wesentlich verändert haben?

Obwohl wir alle überzeugt sind, dass die Online-Lehre zunehmen wird, wird meines Erachtens auch die Präsenzlehre bleiben. Wir kommen gegebenenfalls zur Aufteilung, dass alle Lehre, in der es um reine Informationsvermittlung geht, nur online stattfindet, dass aber dafür in Seminaren und Übungen vermehrt im Präsenzrahmen intensiv miteinander gearbeitet wird. Aber 20 Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Vor allem, wenn wir sehen, wie steil unsere Lernkurve in nur wenigen Monaten verlief, ist kaum abzuschätzen, wo uns das längerfristig hinführt. Zudem kann niemand sagen, was künftige digitale Errungenschaften oder zum Beispiel das Internet der Dinge auch für die Lehre verändern werden.

Was sollen Alumni rückblickend über ihre Studienzeit an der UZH denken? 

Wünschen würde ich mir eine positive Beurteilung in rationaler und emotionaler Perspektive im Sinne von: «Ich habe das Wesentliche auf gute Art und Weise gelernt, konnte auch noch über die einzelnen Inhalte hinaus dazulernen und es war – trotz dem ganzen Stress – eine tolle Zeit, die ich positiv erlebt habe und die mich auch geprägt hat. Zusätzlich habe ich ein Netzwerk aufgebaut bzw. konnte auf eines zurückgreifen, das Jahre überdauert hat und immer noch wichtig für mich ist.»
 

Zitat Gabriele Siegert


Wie differenzieren sich die Weiterbildungsprogramme der UZH von der Vielzahl an Programmen der Fachhochschulen und privaten Anbietern? 

Der klare Vorteil der UZH Weiterbildung besteht in der Nähe zur Wissenschaft. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten quasi direkt ab Quelle forschungsbasierte, handlungsrelevante Inputs. Die UZH Weiterbildung ist zudem sehr breit gefächert: Sie wird klar bottom-up konzipiert, denn auch in der Weiterbildung ist die Begeisterung der Anbieter ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die UZH Weiterbildung spiegelt die Subsidiarität der UZH. Sie können von einem CAS in Parodontologie über einen CAS in Schweizer Literatur bis zu einem MAS in Bibliotheks- und Informationswissenschaft auf eine unglaubliche Vielfalt zurückgreifen. Wir haben darüber hinaus Themen, die die Fachhochschulen gar nicht anbieten können. Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät entwickelt zudem die Executive Education in einem eigenen Track weiter.

Lebenslanges Lernen wird immer wichtiger. Daher baut auch die UZH ihr Weiterbildungsangebot laufend aus. Was ist die Weiterbildungsstrategie der UZH?

In den strategischen Zielen 2013-2020 wurde die Weiterbildung gesondert mit fünf Zielen thematisiert, darunter folgendes: «Die UZH leistet mit ihrem Weiterbildungsangebot einen wesentlichen Beitrag zum lebenslangen Lernen und unterstützt den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie trägt damit auch zum Dialog mit der Gesellschaft bei.» Diese Ziele sind weitgehend erfüllt. Die UZH Weiterbildung, die es im Übrigen schon seit langem gibt, unterscheidet sich klar von anderer Weiterbildung. Wir sind verpflichtet, dass sich die Weiterbildung überwiegend an Personen richten muss, die bereits einen Hochschulabschluss, vor allem Master und teils auch Bachelor, haben. Klar ist aber, dass das lebenslange Lernen ein agiles Feld ist, das die UZH auch in Zukunft stetig weiterentwickeln und mitprägen wird.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Wie bilden Sie sich persönlich weiter und stellen sicher, dass Sie stets am Puls der Zeit sind?

Ich nutze einerseits internationale Netzwerke wie die LERU und U21, um mich im Sinne von Best Practice oder Benchmarking zu orientieren oder auch Publikationen von Wissenschaftsinstitutionen. Andererseits organisieren wir z.B. im Prorektorat Lehre und Studium regelmässige Workshops. Umfassendere Weiterbildung im Sinn eines CAS oder MAS mache ich nicht – dazu fehlt mir leider schlicht die Zeit. 

 

Weitere spannende Themen der aktuellen Ausgabe des Oec. Magazins finden Sie unter www.oec.uzh.ch/oec