Unsere Alumni: Nick Bossart (German only)

Gewinnen, verlieren, Ärgerliches, Menschliches: Als Länderchef von J.P. Morgan Schweiz kennt Alumnus Nick Bossart alle Facetten des Banking und hat eine klare Strategie, wie er mit diesen vielfältigen Herausforderungen umgeht. Der passionierte Investmentbanker verrät im Interview, warum er noch viel Potenzial im M&A-Markt sieht und wo er mit seinem Team hinmöchte.

Herr Bossart, worüber haben Sie sich zuletzt geärgert?

(lacht) Meine jüngste Tochter hat mich am Sonntagmorgen um halb sieben am Arm gezerrt und gemeint: «Papi, aufstehen, aufstehen!» Da bleibt einem ja wirklich keine grosse Wahl, ihr kann ich eh nichts abschlagen … und dann freue ich mich auch schon, mit ihr und etwas später mit dem Rest der Familie Zeit zu verbringen.

Wie gehen Sie mit ärgerlichen Situationen um?

Ich bin eher ein emotionaler Mensch, aber ich reagiere heute etwas weniger impulsiv als früher. Dreimal durchatmen oder sogar darüber schlafen ist für mich ein guter Leitfaden.

Sie bewegen sich beruflich in keinem leichten Umfeld – machen Ihnen die Niedrigzinsen zu schaffen?

Unsere Kunden sind unterschiedlich betroffen. Für unsere privaten und institutionellen Kunden ist die Frage in den Vordergrund gerückt, wie man heute noch eine Rendite erzielen kann. Für unsere Unternehmenskunden hat das Niedrigzinsumfeld dazu geführt, dass die Finanzierungskosten deutlich gesunken sind. Jetzt sagen viele, dass diese Ausgangslage Fusionen und Akquisitionen beflügeln könnte. Ich bin da skeptisch. Tiefe Finanzierungskosten helfen sicher, aber sie sind kein betriebswirtschaftlicher Treiber für das M&A-Geschäft.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigen Treiber?

Wir haben derzeit in Europa ein langsameres Wachstum als in den USA. Gleichzeitig sind die Bewertungen und damit die Wachstumserwartungen relativ gesehen hoch. Um diese zu erfüllen, streben die Unternehmen organisches Wachstum an, oder sie suchen gezielt nach Akquisitionen, um beispielsweise Zugang zu schneller wachsenden Märkten oder neuen Technologien zu erhalten. Es werden auch synergetische Transaktionen gesucht, um die Kosten zu senken.

Nick Bossart

Könnten steigende Zinsen die M&A-Aktivitäten bremsen?

Auch wenn die Zinsen leicht steigen, erwarte ich keinen negativen Einfluss auf die Aktivitäten, denn die Zinsen sind ja weiterhin sehr tief. Ich glaube auch nicht, dass jene Unternehmen, die zugekauft haben, deshalb in Schwierigkeiten geraten, denn die Finanzierungskosten sind in der Regel langfristig fixiert. So gesehen haben wir ein sehr gesundes M&A-Umfeld.

Welches waren 2016 die wichtigsten M&A-Deals für Sie?

Die grösste und wichtigste Aktivität war sicher der Verkauf von Syngenta an ChemChina mit einem Volumen von rund 48 Milliarden Franken. Wir von J.P. Morgan waren hier Lead Financial und Strategic Advisor für Syngenta. Aus Schweizer Sicht bedeutend war auch das erste grössere Going Private seit Langem, als die schwedische EQT, deren M&A-Finanzierungsberater wir waren, Kuoni akquiriert und von der Börse genommen hat.

Gehen Sie davon aus, dass der Markt auch 2017 so aktiv bleibt?

Ja. Ich bin überzeugt, dass viele Schweizer Grosskonzerne und auch grössere Mid Caps nach wie vor sehr stark nach möglichen Akquisitionszielen suchen. Ich gehe deshalb davon aus, dass auch 2017 ein relativ gutes M&A-Jahr wird und wir auch den einen oder anderen IPO an der Schweizer Börse sehen werden.

Generieren Fusionen und Akquisitionen wirklich einen Mehrwert?

Ich sage immer: Ein erfolgreich abgeschlossener M&A-Deal ist der erste Schritt für die Schaffung von Mehrwert. Das Unternehmen muss danach weitere Schritte unternehmen und erfolgreich integrieren.

Ist es gerade bei globalen Deals nicht schwierig, erfolgreich über kulturelle Grenzen hinweg zu integrieren?

Natürlich ist das eine grosse Herausforderung. Aber hier hat in den letzten zehn Jahren eine unglaubliche Professionalisierung stattgefunden, das kulturelle Element steht bei vielen Unternehmen stark im Vordergrund. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten Firmen, die international akquirieren, selbst auch schon international in den verschiedenen Märkten tätig sind.

Zitat Nick Bossart

Die Finanzwelt hat in den letzten Jahren stark an Image eingebüsst und wurde mit Gambling und Gier in Verbindung gebracht. Was antworten Sie Kritikern?

In der Vergangenheit hat es in der Tat Exzesse gegeben, aber der Eigenhandel beispielsweise wurde verboten, und auch sonst hat sich sehr viel zum Guten verändert. In vielen Bereichen im Banking, wie zum Beispiel im Investment Banking, geht es schlichtweg um pickelharte Arbeit. Für jedes Mandat muss man sich wieder aufs Neue beweisen. Aber: Wer hart, faktenbasiert, kreativ und seriös arbeitet, wird über kurz oder lang mit Erfolg belohnt.

In einem «Finews»-Interview haben Sie einmal gesagt: «Man will immer gewinnen, aber das kann niemand.» In welchen Bereichen sind Sie noch nicht dort, wo Sie hinmöchten?

Das stimmt, Gewinner müssen immer auch einstecken können. Mir ist die mittel- bis langfristige Perspektive wichtig. Unsere Ambition muss sein, in jedem unserer Tätigkeitsfelder zusätzliche Marktanteile zu gewinnen. Im Private Banking sind wir bereits sehr gut in der Westschweiz verankert und sehen viel Potenzial für organisches Wachstum in der Deutschschweiz. Im Investment Banking ist es unser klares Ziel, die führende Auslandsbank in der Schweiz zu sein.

Sie führen rund tausend Mitarbeitende hier in der Schweiz. Worauf legen Sie als Führungsperson Wert?

Um erfolgreich zu sein, müssen wir als Team arbeiten. Talent und fachliche Qualifikationen haben viele, aber es braucht auch Sozialkompetenz. Keiner von uns ist ein Superstar. Wenn mich ein Kunde mit einem Auftrag anruft, ist das schön – aber wenn ich kein Team im Rücken habe, kann ich am Ende auch nur einen Teil der Leistung erbringen, die der Kunde will. Alle brauchen einander, und das ist etwas, an dem wir stark arbeiten.

Wie machen Sie das?

Man muss die Leute einbinden, erklären, wieso man strategisch in die eine und nicht in die andere Richtung geht. Es ist entscheidend, dass sich Mitarbeitende als Teil eines Ganzen sehen. Wir hatten in den letzten Jahren eigentlich niemanden, der uns verlassen hat – und das spricht für sich.